#1 RE: Das Leben schwänzen von sternenfrau 22.03.2012 10:39

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Das Leben schwänzen

Eine Pause vom Alltag - jeden Tag ein millionenfach geäußerter Wunsch! Doch nie wurde er in so heiter-sehnsüchtige Worte gehüllt wie in diesem Gedicht von Mascha Kaleko

Hier ist der Link zum Bild

Einmal sollte man seine Siebensachen
Fortrollen aus diesen glatten Geleisen.
Man müßte sich aus dem Staube machen
Und früh am Morgen unbekannt verreisen.

Man sollte nicht mehr pünktlich wie bisher
Um acht Uhr zehn den Omnibus besteigen.
Man müßte sich zu Baum und Gräsern neigen,
Als ob das immer so gewesen wär.

Man sollte sich nie mehr mit Konferenzen,
Prozenten oder Aktenstaub befassen.
Man müßte Konfession und Stand verlassen
Und eines schönen Tags das Leben schwänzen.

Es gibt beinahe überall Natur,
Man darf sich nur nicht sehr um sie bemühen,
Und so viel Wiesen, die trotz Sonntagstour
Auch werktags unbekümmert weiterblühen.

Man trabt so traurig mit in diesem Trott.
Die andern aber finden, dass man müßte..
Es ist fast so, als stünde man beim lieben Gott
Alleine auf der schwarzen Liste.

Man zog einst ein Lebenslos "zweiter Wahl".
Die Weckeruhr rasselt. Der Plan wird verschoben.
Behutsam verpackt man sein kleines Ideal.
Einmal aber sollte man (siehe oben!)...

Mascha Kalenko (1907-1975)

Quelle: Ein Foto und seine Geschichte, TV Hören und Sehen, 10/12

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