#1 RE: Auf der Suche nach dem Meister von sternenfrau 18.03.2012 18:26

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Auf der Suche nach dem Meister

"Immer wieder fragen mich Schüler, wo die Wahrheit zu finden sei", sagte Maal-El. "Daher habe ich irgendwann angefangen, bei dieser Frage in eine beliebige Richtung zu weisen, einfach um zu zeiegen, dass es darauf ankommt, einen Weg zu gehen und nicht über ihn nachzudenken.
Anstatt aber in die Richtung zu schauen, in die ich wies, schaute einmal ein Schüler, der mich gefragt hatte, prüfend meinen Finger an, als wolle er dort die Wahrheit finden."

Wer auf der Suche nach einem Meister ist, sollte Erfahrungen sammeln, die ihm helfen könnten, bestimmte Hindernisse zu überwinden. Doch leider verhalten sich die Menschen zumeist ganz anders: Sie wählen den Weg des geringsten Widerstandes, um Antworten auf alles zu finden. Wer einen Meister ausnutzt, um den eigenen Weg abzukürzen und die Antworten nicht selber finden zu müssen, wird nirgendwohin gelangen und am Ende enttäuscht sein.

Sieht man sich das Leben Buddhas etwas genauer an, wird man feststellen, dass dieser sich, nachdem er die Erleuchtung erlangt hatte, darum bemühte, in seinen Schülern jene Eigenschaften zu entwickeln, die es braucht, um den ersehnten Seelenfrieden zu erreichen. Wer die Evangelien liest, wird bemerken, dass Jesus fast immer dann lehrt, wenn er unterwegs ist oder wenn er mit seinen Jüngern an einem Tisch sitzt.

Keine Tempel. Keine auserwählten Orte. Keine hochkomplizierten Praktiken. Die Apostel lauschten den Worten im Gehen, beim Essen, bei etwas also, das wir tagtäglich tun. Anders als wir, die wir vielen Lehren, die sich in den Alltagsaugaben verbergen, keinen Wert beimessen.

Wir denken, die heiligen Dinge seien nur für Giganten des Glaubens und des Willens erreichbar, und meinen, was wir tun, sei zu gering, um von Gott mit Freuden angenommen zu werden.

Oft halten wir unsere Träume und Ideale für unerreichbar, weil wir übersehen, was direkt vor unserer Nase liegt. Und wenn wir dann merken, dass wir uns verrannt haben, sind wir nicht froh, sondern fühlen uns schuldig, weil wir möglicherweise andere Menschen enttäuscht haben, die an uns glaubten. Und dann wenden wir uns irgendwelchen "Meistern" oder "Gurus" zu, die uns helfen sollen, die verlorene Zeit wettzumachen. Und das ist gefährlich.

Denn so geht das nicht. Obwohl der Schatz vor Ihrer Türschwelle vergraben liegt, werden Sie ihn nur finden, wenn Sie von zu Hause aufbrechen, reisen und wiederkehren. Hätte der heilige Petrus nicht den Schmerz darüber gefühlt, Jesus verleugnet zu haben, er wäre nicht zum Oberhaupt der Kirche erwählt worden. Häte der verlorene Sohn nicht alles aufgegeben, wäre er nie von seinem Vater mit einem Fest empfangen worden. Hätte Buddha nicht versucht, jahrelang ein entbehrungsreiches Leben zu führen, wäre er nicht imstande gewesen, Fröhlichkeit zu würdigen.

Es gibt in unserem Leben bestimmte Dinge, die ein Siegel tragen, auf dem steht: "Du wirst mich erst verstehen, wenn du mich verloren und wiedergefunden hast." Es bringt nichts, den Weg abkürzen zu wollen. Ein altes Sprichwort sagt: Wenn der Schüler bereit ist, erscheint der Meister.

Viele Menschen glauben das und bereiten sich das ganze Leben lang auf diese Begegnung vor. Wenn ihnen ein Meister über den Weg läuft, geben sie sich ihm ganz und gar hin - tage, monate- oder jahrelang. Aber am Ende finden sie heraus, dass der Meister nicht das vollkommene Wesen ist, das sie sich vorgestellt hatten, sondern ein Mensch wie alle anderen, dessen einzige Funktion darin besteht, zu teilen, was er gelernt hat.

Wenn der Schüler feststellt, dass er einen ganz normalen Menschen vor sich hat, fühlt er sich betrogen, und in seiner Verzweiflung will er die Suche aufgaben - wo es doch in Wahrheit nur darauf ankommt, unseren eigenen Weg zu finden. Edenilton Lampiao hat eine sehr viel bessere Version dieses Sprichworts geliefert: Wenn der Schüler bereit ist, verschwindet der Meister.

Quelle: Paulo Coelho Kolumne, TV Hören und Sehen, 6/12

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