#1 RE: Ich, Cheeta von sternenfrau 14.03.2009 12:59

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Ich, Cheeta

Jetzt erschienen die Memoiren des berühmtesten Schimpansen der Welt

Hier ist der Link zum Bild

Die Party ist ein voller Erfolg: Es gibt Diabetiker-Brause und zuckerfreien Kuchen für alle; die Gäste tragen Papphütchen, und zur Feier des Tages bringt die berühmte Primatenforscherin Jane Goodall dem Geburtstagskind höchstpersönlich ein Ständchen dar; eine freie Interpretation von „Happy Birthday“ auf äffisch mit vielen Hoohoo- und Haahaa-Lauten. Die Übertragung wird landesweit von mehreren TV-Sendern ausgestrahlt und sogar ins Ausland verkauft. So, wie es sich gebührt, wenn der berühmteste Schimpanse der Welt 76 Jahre alt wird. Zumal gerade seine Autobiographie erschienen ist: „Me Cheeta“ – die Memoiren eines Affen in Hollywood... Und wahrlich, die Eckdaten seines Lebens klingen imposant: Zwölf mal stand der Schimpanse allein für die erfolgreichen „Tarzan“-Streifen an der Seite von Johnny Weissmüller vor der Kamera; insgesamt drehte er fast 50 Filme. Selbst einen Eintrag im „Guinness Buch der Rekorde“ kann Cheeta für sich verbuchen – als ältester Schimpanse der Welt – und im kommenden Jahr soll er sogar einen eigenen Stern auf dem berühmten „Walk of Fame“ bekommen. In der Zwischenzeit, so heißt es, widme sich „Mr. Cheeta“ vornehmlich seinen Hobbys – dem (recht ungelenken) Klavierspiel und der Malerei. Seine Werke – abstrakte Farbstriche auf Weiß – erzielen immerhin Preise von 100 Euro und sind beliebte Sammlerstücke der alternden Hollywood-Garde.

So zumindest erzählt es das Buch. Triviale Plaudereien aus dem Showbusiness. Die Wahrheit allerdings - die liegt irgendwo in dem Blick eines Schimpansen, dessen Gesicht gezeichnet ist. Gezeichnet vom Alter und von den vielen Jahren, in denen Menschen ihm Zigarren zum Rauchen gaben, Kleidung zum Tragen und Betten zum Schlafen. Gezeichnet von einem Leben, das er so niemals hätte leben sollen. Die Wahrheit erzählt von einem jungen Schimpansen, der an einem Tag vor 76 Jahren unter der Jacke eines Tiertrainers an Bord eines Flugzeuges von Liberia nach New York geschmuggelt worden war, um wenige Wochen später das erste Mal in einem lärmigen Filmstudio vor einer Kamera zu stehen. „Der Beginn einer Jahrhundert-Karriere“ titeln die Zeitungen damals – und in der Tat: Seitdem hat Cheeta 13 Präsidenten kommen und gehen sehen; inzwischen hat er fast alle Schauspieler überlebt, mit denen er je drehte, und er ist 30 Jahre älter, als die meisten Schimpansen in freier Wildbahn werden.

Die Frage ist nur: Wie schwer wiegen drei Jahrzehnte – wenn diese drei Jahrzehnte keinen einzigen Atemzug in Freiheit bringen? Wie auch immer die Antwort lauten mag – sie liegt in dem Blick eines sehr alten Schimpansen und in allem, was wir dort zu erkennen vermögen: Intelligenz, Nachsicht – und vielleicht ein wenig Wehmut.

Quelle: Dorothee Teves, TV Hören und Sehen, 3/09

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