#1 RE: Spitzwegerich von sternenfrau 06.11.2007 11:31

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SPITZWEGERICH (Plantago lanceolata)

Aus der großen Fülle unserer Heilpflanzen greife ich als nächste eine heraus, die in unserer Vorzeit ebenso verbreitet gewesen zu sein scheint wie heute und auch einen hervorragenden Ruf genoß. Die letzte Silbe des althochdeutschen »wega« = rih, dem serbischen »reiks« entsprechend, ist verwandt mit dem lateinischen »rex« = König. So war der Wegerich der Beherrscher der Wege und wuchs seit Urzeit her schon zum Segen der Menschheit. Ein angelsächsischer Heilsegen, der neun Pflanzen anruft und sich in einer Handschrift, vermutlich aus dem 11. Jh., befindet, spricht auch den Wegerich an:

"Und du, Wegerich,
Mutter der Pflanzen,
offen nach Osten,
mächtig im Innern:
Über dich knarren Wagen,
über dich ritten Frauen,
über dich ritten Bräute,
über dich schnaubten Farren.

Allen widerstandest du
und setztest dich entgegen.
So widerstehe auch dem Gift
und der Ansteckung
und dem Übel,
das über das Land dahinfährt!"

Es ist heute wie damals. Das Übel fährt über das Land dahin und wir brauchen Heilpflanzen, wie es der in allen Kräuterbüchern hochgepriesene Spitzwegerich ist, um diesem Übel entgegenzutreten. Sein Verwandter, der Breitwegerich (Plantago major), steht ihm um nichts nach und wird genauso angewendet. Beide finden sich auf allen Wiesenwegen und Rainen, in Gräben und feuchtem Ödland und kommen praktisch auf der ganzen Welt vor.

Der Wegerich wird in erster Linie gegen alle Erkrankungen der Atmungsorgane angewendet, besonders bei starker Verschleimung, Husten, Keuchhusten, Lungenasthma, ja selbst bei Lungentuberkulose. Der Schweizer Pfarrer Künzie, der urwüchsige Naturarzt und Kenner der großen Heilkraft unserer Pflanzen, schreibt: »Verwendung findet der ganze Wegerich in all seinen Sorten mit Wurzel, Kraut, Blüte und Samen. Er reinigt wie kein zweites Kraut Blut, Lunge und Magen, ist daher gut für jene Leute, die wenig oder schlechtes Blut, schwache Lungen und Nieren, bleiches Aussehen haben, Ausschläge, Ruden, Flechten produzieren oder gar etwas hüsteln, heiser sind, mager bleiben wie die Geißen, selbst wenn man sie in Butter hineinstellen würde. Er hilft schwächlichen Kindern, die trotz guter Kost zurückbleiben, auf die Beine."

Ich selbst konnte bei Lungen- und Bronchialasthma mit Spitzwegerich und Thymian, zu gleichen Teilen gemischt, manchem helfen (siehe »Anwendungsarten«). Ein solcher Teeaufguß ist auch bei Leber- und Blasenleiden sehr zu empfehlen. Bei Bronchitis, Lungen- und Bronchialasthma
wird der Tee in folgend angegebener Bereitung mit großartiger Wirkung angewendet: Man bringt eine Tasse kaltes Wasser mit einer Scheibe Zitrone (wenn diese gespritzt, dann ohne Schale) und einen gehäuften Kaffeelöffel braunen Kandiszucker zum Kochen, läßt vier- bis fünfmal aufwallen, zieht vom Herd und gibt dann erst einen gehäuften Kaffeelöffel der Teemischung hinein. Eine halbe Minute ziehen lassen. In schweren Fällen muß der Tee vier- bis fünfmal am Tag frisch zubereitet werden.

Man trinkt ihn schluckweise so heiß man ihn verträgt. Wie man in alten Kräuterbüchern nachlesen kann, hilft der Samen des Wegerichs gegen Steinbildung, wenn man täglich acht Gramm davon einnimmt. Dazu trinkt man Wegerichtee. Spitzwegerich-Sirup reinigt das Blut von allen Schlacken und Krankheitsstoffen. Man sollte ihn als richtige Kur gebrauchen, indem man täglich vor jeder Mahlzeit je einen Eßlöffel (für Kinder einen Teelöffel) davon nimmt (Sirupbereitung siehe Anwendungsarten).

In bäuerlichen Kreisen ist bekannt, dass Wegerich von altersher ein beliebtes Wundheilmittel ist. Als sich ein Bauer draußen am Feld einmal mit einem Werkzeug schwer verletzte, nahm er zu meinem Erstaunen frische Spitzwegerichblätter, zerrieb sie und legte sie auf die Wunde. Trotz der ungewaschenen Blätter kam keine Entzündung dazu. Die frischen Blätter, zerrieben, helfen bei Rissen, Schnitten, Wespenstichen, ja selbst bei Bissen von wütenden Hunden, giftigen Tieren und Schlangen, bei letzteren als Notbehelf, wenn gerade kein Arzt zur Stelle ist. In einem alten Kräuterbuch steht geschrieben:

»Wenn eine Kröte von einer Spinne gebissen wird, eilt sie zum Wegerich. Damit wird ihr geholfen." Frische Blätter, zwischen beiden Händen zerrieben, mit etwas Salz gemischt und am Hals aufgelegt, heilen Kröpfe. Wegerichblätter, in Schuhe gelegt, nehmen die durch Gehen oder Wandern hervorgerufenen Blasen. Jede auch noch so bösartige Geschwulst vergeht, wenn man sie mit frischen zerriebenen Blättern behandelt. So helfen die Blätter, auf die befallenen Stellen gelegt, auch bei bösartigen Drüsenerkrankungen.

In diesen Fällen ist es aber gut, frischen Majoran (in dringenden Fällen kann man auch getrockneten Majoran nehmen) in Olivenöl anzusetzen. Man gibt den Majoran in eine Flasche, gießt Öl darüber und läßt sie zehn Tage an einem warmen Ort stehen. Das gewonnene Majoranöl streicht man auf die erkrankten Drüsen, legt die zerriebenen Wegerichblätter darüber und verbindet die Stelle mit einem Tuch. In kurzer Zeit wird eine Besserung eintreten.

Bei einem Vortrag im Pfarrheim der Stadtpfarrkirche Linz wies ich darauf hin, dass die zerriebenen Blätter des Wegerichs jede Wunde heilen würden und wäre sie zehn Jahre alt. Als ich fünf Monate später im Saal der Kreuzschwesternschule in Linz sprach, meldete sich eine Frau zu Wort: »Ich habe seinerzeit Ihre Ausführung, dass Wegerichblätter jede Wunde heilen, auch wenn sie noch so alt wäre, angezweifelt.

Ich selbst konnte mir einmal mit frischem Spitzwegerichsaft rasche Hilfe verschaffen. Vor Jahren hatte sich mein damals einjähriges Enkelkind, das ich auf meinen Armen trug, aus reinem Übermut in meine linke Wange oberhalb des Mundwinkels verbissen. Diese Bissstelle bereitete mir einige Tage arge Schmerzen. Die schmerzende Stelle habe ich ab und zu mit Spitzwegerich-Kräuteressenz betupft. Ich machte mir Sorgen, es könnte sich eines Tages eine bösartige Verhärtung bilden. Ende April besuchte ich mit meinem Mann eine Tagung in Freistadt. Ganz plötzlich verspürte ich an der alten Bissstelle einen erbsengroßen, verhärteten Knoten, der sich in der Nacht gebildet hatte. Ich holte mir sogleich von der Wiese eine Handvoll Spitzwegerichblätter, zerrieb sie zwischen Zeigefinger und Daumen und betupfte während des Tages öfters die Stelle. Am Abend war die Verhärtung nur noch wenig zu spüren; am nächsten Morgen war sie zu unser aller Freude ganz weg.

Es ist also nicht übertrieben, wenn Pfarrer Kneipp in seinen Schriften behauptet, es sei für jede Krankheit ein Kraut gewachsen. Je mehr ich mich in die Heilkräuterkunde vertiefe, desto größere Wunder erlebe ich.

In den Augen der Unwissenden sind es allerdings nur Unkräuter. Beginnen Sie, sich um die Kräuter mehr zu kümmern und Sie werden langsam alle Beschwerden verlieren.

Diese meine Zeilen sollen auch allen alten Leuten, die jahrelang an offenen Füßen leiden, Mut und Trost geben. Auch ihre Wunden werden sich durch Auflegen von Wegerichblättern bald schließen und zuheilen. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Ist eine starke Schwellung dabei, badet man den Fuß in Käsepappel- Kaltauszug oder Zinnkraut-Absud. Die Wundränder werden nach dem Bad mit Ringelblumensalbe (siehe »Ringelblume«, Anwendungsarten) bestrichen. Auch bei Thrombosen sind Wegerichblätter wärmstens zu empfehlen.

ANWENDUNGSARTEN

Teeaufguß:

1 gehäufter Teelöffel Blätter auf 1/4 Liter Wasser, nur brühen, kurz ziehen lassen.

Teemischung:

1 gehäufter Teelöffel der Mischung Wegerichblätter und Thymian zu gleichen Teilen wird mit 1/4 Liter Wasser gebrüht (siehe betreffende Textstelle).

Blätterauflage:

Frische Spitz- oder Breitwegerichblätter werden gewaschen, auf einem Brett mit einem Nudelwalker zu einem Blätterbrei zerwalkt und aufgelegt.

Sirup 1. Art:

Zwei gehäufte Doppelhände gewaschene Wegerichblätter treibt man durch den Fleischwolf. Zu diesem Blätterbrei gibt man etwas Wasser, dass er sich nicht anlegt, 300 g Rohzucker und 250 g Bienenhonig. Unter dauerndem Rühren läßt man das Ganze bei schwachem Feuer sieden bis eine dickliche Flüssigkeit entsteht, die man heiß in Gläser füllt und im Kühlschrank aufbewahrt.

Sirup 2. Art:

Man legt die gewaschenen Blätter schichtweise mit Rohzucker in ein Gurkenglas und presst alles fest zusammen. Die Masse setzt sich. An den nächsten Tagen werden die Schichten wiederholt, bis nichts mehr im Glas Platz hat. An einer geschützten Stelle im Garten gräbt man ein Loch und stellt das mit drei- bis vierfachem Pergament verschlossene Glas hinein. Man gibt ein Brett darauf und beschwert es mit einem Stein. Alles wird dann mit Erde zugeschüttet. Brett und Stein sollten aber sichtbar bleiben. Durch die gleichmäßige Erdwärme vergären Zucker und Blätter zu einem Sirup. Nach etwa drei Monaten nimmt man das Glas heraus, presst den Saft durch eine Fruchtpresse (nicht durch ein Tuch), kocht ihn einmal gut auf und füllt ihn in dicht verschließbare Gläser. Wer diese Art der Gärung nicht durchführen kann, läßt das Glas in der Sonne oder in Herdnähe solange stehen, bis sich der Sirup unten ansetzt. Auch dieser Sirup wird einmal gut aufgekocht.

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